Wir schließen das Tagebuch für die Storchensaison 2019

Nachdem Ben sich nun doch noch zu seiner Reise in den Süden entschlossen hat und die durchziehenden Störche die Nester ebenfalls verlassen haben, schließen wir das Storchentagebuch. Bevor auch wir Zweibeiner in die storchenfreie Zeit gehen, wollen wir noch einen Rückblick auf die diesjährige Saison machen.

 

 

Wie alles begann

Ben traf am 5. März in Fohrde ein und musste anschließend drei Wochen warten, bis am 28. März ein Storchenweibchen auftauchte. Mit ihr hatte unser Storch nur eine abendliche Romanze, dann verließ die Störchin ihn wieder, da sie anscheinend nur auf der Durchreise war. Nach sechs weiteren Tagen kam Leni am 3.4.19 in Fohrde an. Sie ist beringt und ihre Anwesenheit wurde am 14.7.2015 erstmals in Parey dokumentiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenige Tage später wurde ein weiterer Storch gesichtet, der unserer Meinung nach das Weibchen vom letzten Jahr war. Diese Störchin kam regelmäßig vorbeigeflogen, um sich ihren alten Platz erneut zu erobern, aber Leni hatte das Nest fest im Griff.

 

Das erste Storchenei wurde am 19.4.19 um 23:19 Uhr gelegt. Der Storchenpapa hat fleißig mitgeholfen und die restliche Nacht auf dem Ei gesessen. Dass nachts immer die Weibchen brüten, wurde im Fohrder Storchennest definitiv widerlegt – Ben saß fast jede Nacht auf den Eiern. Die drei weiteren Eier wurden am 22.4., 23.4. und am 25.4. gelegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 1 vom 21.5.-28.5.19

 

Am 21.5.2019 vergrößerte sich unsere Storchenfamilie. Die ersten beiden Küken schlüpften aus ihren Eiern. Junior 1 befreite sich in den frühen Morgenstunden von den Eierschalen, Junior 2 erblickte gegen 20 Uhr das Licht der Welt. Am 24.5. und 26.5. schlüpfen die anderen beiden Küken, die von der Mutter leider innerhalb weniger Tage aus dem Nest geworfen wurden.

 

Es war anscheinend Lenis erste Brut und der enorme Größenunterschied der Küken schien sie zu verunsichern. Zwischen dem ersten und dem vierten Küken lagen immerhin vier Tage. Leni hielt die jüngeren Küken wahrscheinlich nicht für lebenstauglich, weil sie noch viel kleiner waren, als die beiden älteren Geschwister. Deswegen wurden leider nur zwei Küken groß.

 

In der ersten Woche waren nur zwei wackelnde Köpfchen zu sehen, wenn die Eltern sich erhoben und wenn der Wall aus Heu nicht zu hoch war. Dann konnte man für einen kleinen Moment zwei schwarze Minischnäbelchen und flauschige Köpfchen erkennen. Die meiste Zeit war es für Küken dunkel, da ihr Federkleid erst noch wachsen musste und sie nur unter Mamas und Papas Bauch warm geschützt waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 2 vom 29.5.19 – 4.6.19

 

Von den vier Küken wurden die beiden Jüngsten durch Leni aus dem Nest geworfen. Wahrscheinlich war sie als Erstbrüterin mit vier Jungtieren unterschiedlicher Größe überfordert und hat deswegen aussortiert. Im nächsten Jahr ist es ihr vielleicht möglich, aus der diesjährigen Erfahrung heraus die Entwicklungsunterschiede dem Alter zuzuordnen, sodass alle Küken überleben können.

 

Es kam zu Revierkämpfen auf dem ersten Nest, bei dem ein Fremdstorch landete und sich mit Ben einen Kampf lieferte. Die Küken wurde teilweise niedergetrampelt, da die blinde Streitwut keine Rücksicht auf die anwesenden Küken nahm. Verletzt wurde niemand und die Kleinen bekamen schon nach gut einer Lebenswoche einen Einblick in die Erwachsenenwelt.

 

Normalerweise sammeln die Storcheneltern den Kot der Jungtiere ein, solange diese die ersten beiden Lebenswochen noch unfähig sind, die Ausscheidungen Richtung Nestrand zu befördern. Unsere Storchenkinder waren schon mit gut einer Woche „stubenrein“, auch wenn die Abfälle gerade mal über den Graswall hinausgingen.

 

Außerdem wurde von Breinahrung auf festes Futter „umgestellt“. Junior 1 machte zum ersten Mal in seinem Leben Bekanntschaft mit einem Frosch, den er anfangs nicht hinunterbekam. Solch grünes Tier hat zu viele lange Beine, die das Verschlucken verhindern.

 

Die ersten Sitzübungen wurden mit elf Tagen gemacht. Allerdings nur für kurze Zeit, denn es war noch schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Nach nur zwei Wochen waren die beiden schon so groß, dass sie ihre Hälse auf den Rücken zurückbiegen konnten. Aus dem kleinen Häufchen Federn, das sein Köpfchen nicht halten konnte, waren zwei flauschige Knäule herangewachsen, die neugierig über den Nestrand schauten. Auch die ersten schwarzen Federn zeigten sich auf den Miniflügeln und sahen wie gemalte Striche auf dem Federkleid aus. Im Gegensatz zur ersten Woche hatten die Küken mittlerweile schon die Größe einer kleinen Ente.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 3 vom 5.6.19 – 11.6.19

 

In der dritten Woche begannen die Küken mit den ersten, watscheligen Schritten. Aufstehen und Umpurzeln gehörte in dieser Zeit zur Tagesordnung. Die Küken waren so groß wie ausgewachsene Enten und entwickelten einen großen Appetit.

 

Am Anfang der Woche gab es die erste Ratte, die fast größer als der Nachwuchs war. Am Ende der Woche servierte Ben eine so große Ratte, dass beide Küken mit großen Augen vor ihr saßen, weil sie für die Schnäbel der Ministörche noch viel zu groß war. Bens Arbeitsaufwand wurde mit einem großen Happen belohnt, da die Küken eher selbst in die Ratte gepasst hätten als umgekehrt.

 

In dieser Woche wurden die Küken erstmals alleine gelassen. Zuerst zwanzig Minuten, dann zwei Stunden am Tag und schließlich auch länger in den frühen Morgenstunden. Genau zu dieser Zeit tauchte ein zweites Storchenpärchen auf dem zweiten Nest auf, dessen Nähe für die Küken gefährlich war. Unser Storchenpaar lernte schnell und vom nächsten Tag an waren die Küken wieder dauerhaft unter Aufsicht. Normalerweise werden junge Störche erst mit 4-5 Wochen alleine auf dem Nest gelassen. Unsere Alttiere waren anscheinend wirklich absolute Brutanfänger und können es im nächsten Jahr besser machen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 4 vom 12.6.19 – 18.6.19

 

Die Küken mussten ihr erstes Gewitter überstehen, denn es hieß „Land unter“ in Berlin und Brandenburg. Es war, als ob die Wassermassen eines Jahres an einem einzigen Abend ausgeschüttet wurden. Zusätzlich hagelte es vielerorts bis zu tennisgroße Eiskugeln.

 

Leni wurde an diesem Abend zum Fernsehstar, denn in den Nachrichten wurde die fürsorgliche Rettungsaktion ihrer beiden Küken ausgestrahlt. Während Mama Storch im strömenden Gewitter saß, waren ihre Küken unter den Flügen vor Hagelbrocken sicher und geschützt. Die Jungtiere passten gerade noch so in voller Größe unter die Flügel und kamen ohne jeden Kratzer davon.

 

Die Storchenkinder übten sich darin, freibeinig zu stehen – also ohne den Schnabel als Stütze in den Nestboden zu spießen – und begannen, die Nesteinrichtung selbstständig zu sortieren, indem sie sich gegenseitig im Heu einbuddelten. Die schwarzen Federn, die später den unteren Bereich der Flügel bilden, waren auf ein bis zwei Zentimeter Länge angewachsen und von der Größe erinnerten die Küken an kleine Gänseküken.

 

Futtertechnisch gab es immer mehr Säugetiere zu fressen, die mittlerweile auch mit nur einem Happs verschluckt werden konnten. Es herrschte eine „Affendämse“ und die Storcheneltern mussten täglich frisches Wasser für den Nachwuchs heranschaffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 5 vom 19.6.19 – 25.6.19

 

In der fünften Woche konnten die Küken ohne Umfallen sitzen und wurden mit ihren Stehversuchen ausdauernder und sicherer. Das erste Frühstück wurde nach hinten verlegt, die Storcheneltern kamen erst zwischen acht und neun Uhr mit der ersten Mahlzeit. Zu diesem Zeitpunkt watschelten die Küken schon zum Nestrand, um auf die Toilette zu gehen. Was beim Zusehen jedesmal einen Herzinfarkt verursachte, da sie sich dem Nestrand rückwärts näherten und oftmals schon die Luft neben dem Rand unter dem Schwänzchen hatten.

 

Die Küken bekamen zum ersten Mal grüne Proteine in Form von Heuschrecken serviert und waren nicht sehr begeistert. Noch sahen sie etwas unproportioniert aus – eine dicke runde Kugel saß auf kurzen Beinchen. Aber die Flügel waren schon so groß, dass sie beim Auseinanderfalten größer waren als ihre Körperlänge.

 

In dieser Woche waren die Küken öfter alleine auf dem Nest, weil beide Eltern auf Futtersuche waren. Zu einem altersgerechten Zeitpunkt. Am Ende der fünften Woche wurden allerdings getrennte Schlafzimmer eingeführt. Die Storcheneltern schliefen von nun an auf dem zweiten Nest.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 6 vom 26.6.19 – 2.7.19

 

Es war heiß. Eine subtropische Hitze hatte den Osten erreicht und bescherte dauerhaft Temperaturen knapp unter 40 Grad. Die Storcheneltern waren täglich damit beschäftigt, Wasser heranzuschaffen und die Küken zu duschen. Der Nachwuchs stand in dieser Woche immer länger im Nest und versuchte sich sogar im Stehen auf einem Bein. Sie fingen auch an, mehrfach mit den Flügeln zu wedeln, um die Muskulatur zu kräftigen.

 

Stellenweise gab es solch einen Wind, dass sich die Küken hinlegen mussten, um nicht weggepustet zu werden. Von Wasser von oben war jedoch weit und breit nichts zu sehen.

 

In dieser Woche durfte Söckchen eine Delikatesse verspeisen. Ben hatte bei einer Fütterung eine Schlange dabei, die sich Söckchen sicherte. Mittlerweile begannen die Flügel bei den Fütterungen zu stören, da diese schon so groß waren, dass sich die Küken damit gegenseitig ins Gehege kamen. Und sie wuchsen und wuchsen. In Woche 6 hatten sie die Größe eines jungen Schwanes erreicht und sie begannen, mit den Schnäbelchen aufeinander loszugehen, wenn ihnen etwas nicht passte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 7 vom 3.7.19 – 9.7.19

 

In der 7. Woche mussten die Küken schwitzen, erhielten eine Regendusche und konnten sich an einer Abkühlung erfreuen. Die Storcheneltern waren unermüdlich unterwegs, um die Bäuche ihre Kinder zu füllen. Trotz der teilweise sengenden Hitze war immer genug zum Fressen da und die Storchenkinder standen sehr gut im Futter.

 

Die Flügel waren schon so groß, das sie in ausgeklapptem Zustand von einer Nestseite zur anderen reichten. Die Schnabellänge hatte sich auch vervielfacht und die Färbung begann von Schwarz zu Rot zu wechseln. Die Beine der Küken bekamen einen leicht rötlichen Schimmer, wobei das jüngere Küken seine „Söckchen“ weiterhin behielt. Auffällig waren die langen Daunen im Halsbereich, die jetzt schon eine Länge wie bei den Alttieren hatten.

 

In dieser Woche sah man die Küken immer öfter stehen und mit den Flügeln im Wind rudern. Wetterbedingt mussten sie auch viel auf dem Bauch Platz nehmen, denn der Wind war zeitweilig für die Ministörche recht gefährlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 8 vom 10.7.19 – 16.7.19

 

In dieser Woche bekamen die Küken einen Badeteich ins Nest integriert. Es gab an einem Tag mehrere sintflutartige Regengüsse, die das Nest unter Wasser setzten und einen Badeteich aus der Kinderstube machten. Leni schüttete ihr mitgebrachtes Futter dann in dem See aus und die Küken konnten zum ersten Mal fischen gehen.

 

Die Schnäbel waren schon so groß, das diese die Eltern beim Füttern ernstlich verletzen konnten. Besonders Ben entzog sich immer wieder dem Gerangel, das bei jeder Fütterung entstand. Wenn die hungrigen Küken mit ihren Schnäbel im Schnabel des Alttieres herumwerkelten, um zuerst an die besten Bissen zu kommen, wusste man nie, ob das Elterntier das unbeschadet übersteht.

 

Die Storchenkinder waren jetzt zu Miniaturausgaben ihrer Eltern herangewachsen. Wenn sie aufrecht standen, waren sie nur geringfügig kleiner als die Storcheneltern, aber noch wesentlich schmaler. In dieser Woche gingen sie das erste Mal in die Luft. Zwar nur für zwanzig Zentimeter, aber immerhin, der Anfang war gemacht. Von der Erde in die Lüfte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 9 vom 17.7.19 – 23.7.19

 

In der neunten Woche drehte sich alles um die Flugversuche. Die Küken sprangen wie wild durch das Nest, purzelten übereinander, weil sie sich ständig im Weg standen und hoben schon ein bis zwei Flügelschläge lang vom Boden ab.

 

Die Storcheneltern waren unermüdlich mit dem Heranschleppen von Futter beschäftigt, damit die Küken genug Kraft für ihre Flugstunden hatten. Söckchen musste täglich das Geknabbere des anderen Kükens über sich ergehen lassen. Beim täglichen Füttern waren die Liebkosungen dann vergessen, da zählte nur noch, wer zuerst kommt, erwischt die besten Brocken.

 

Ben trat in Fütterungsstreik, wenn die Jungtiere seinen Schnabel zu heftig attackierten und brach mehrmals eine Fütterung ab. Leni hingegen entwickelte sich zu einer vortrefflichen Jägerin und stopfte ihren Jungen täglich mit dem besten Storchenfutter den Schnabel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 10 vom 24.7.19 – 30.7.19

 

Die Küken mussten in der zehnten Woche wieder ein Gewitter überstehen, diesmal in der Nacht. Leni kam aus dem zweiten Nest in die Kinderstube und leistete ihrem Nachwuchs fürsorglich Gesellschaft, bis sich das Gewitter gelegt hatte.

 

Die Jungstörche flatterten im Nest immer höher. Teilweise waren sogar ihre Füße verschwunden und konnten von der Kamera nicht mehr erfasst werden. Die beiden kamen sich immer öfter ins Gehege und Söckchen wurde vielfach als Landematte benutzt. Wer in der Mitte des Nestes lag, musste damit rechnen, dass das andere Küken auf einem landete oder man wurde Bock benutzt, über den ständig hin- und hergeflattert wurde. Außerdem hüpfte gerade das ältere Küken so wild entschlossen im Nest auf und ab, dass es mehrmals fast aus dem Nest zu fallen drohte.

 

Leni schoss in dieser Woche den Vogel ab, als sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen ganz Fohrde von Mäusen und Ratten säuberte. Am ersten Tag gab 12 Mäuse auf zwei Fütterungen verteilt. Am nächsten Tag kam sie auf die gleiche Anzahl und den Tag darauf schleppte sie insgesamt mindestens 18 Beutetiere ins Nest. Die Küken mussten sich nicht einmal streiten, es purzelte so viel Futter vor ihre Schnäbel, dass jedes in Ruhe fressen konnte.

 

In dieser Woche bekamen die Küken auch unerwarteten Besuch von einem fremden Storch. An einem Abend landete plötzlich ein fremder Jungstorch bei den Küken, der wahrscheinlich bei einem seiner ersten Ausflüge an seine Leistungsgrenze gekommen war. Zuerst lag er bewegungslos im Nest und als er sich erholt hatte, bettelten ihn unsere Küken um Futter an. Als unserem älteren Küken klar wurde, dass sie kein Alttier vor der Nase hatten, ging es auf den Fremdling los und verscheuchte ihn vom Nest.

 

Am 30.7.19 wurden die Küken 10 Wochen alt. Passend zum Geburtstag startete das ältere Küken an diesem Tag seinen ersten Flug und wurde damit flügge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 11 vom 31.7.19 – 6.8.19

 

Das ältere Küken flog und flog und flog. Es pendelte zwischen den Nestern, landete auf Hausdächern und untersuchte die Wiesen und die Pferdekoppel. Seine Ausflüge waren noch nicht lang, aber dafür regelmäßig. Am 2.8.19 war auch für Söckchen der große Tag gekommen. Morgens war das ältere Küken gerade vom Nest geflogen und stand auf dem Scheunendach, als sich unser Nesthäkchen ein Herz fasste und ebenfalls vom Nest segelte. Es drehte einige Runden und kam mit dem Geschwisterküken zusammen ins Nest zurück. Anschließend hopsten beide Küken begeistert und stolz durch das Nest. Aus den Nesthockern waren selbstständige Storchenkinder geworden.

 

An einem Abend der elften Woche fegte ein Sturm über Fohrde. Aus dem Nichts entwickelte sich solch ein Wind, der sogar die schon großen Küken leicht durch das Nest schob. Glücklicherweise waren beide zu diesem Zeitpunkt flügge. Im Ernstfall wären sie einfach vom Nest gesegelt. Selbst Leni hatte Probleme, sich senkrecht zu halten und das zweite Nest anzufliegen. Nach einer Stunde war der Spuk vorbei und die Sonne lachte wieder durch die Wolken. Alles war nochmal gut gegangen.

 

Bei den Küken entwickelte sich die Gewohnheit, den Vormittag in der Luft und den Nachmittag auf dem Nest zu verbringen. Sie wurden weiterhin fleißig gefüttert und hatten noch keinen Grund, ausdauernd auf Futtersuche zu gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 12 vom 7.8.19 bis 13.8.19

 

In dieser Woche stand das Nest der Küken in einer Nacht leer. Ein Blick auf das Elternnest zeigte, dass sich der Nachwuchs bei den Alttieren einquartiert hatte. In der Nacht wurden die Tiere durch laute Geräusche unterhalb des Nestes aufgeschreckt. Die Jungtiere verließen das Nest daraufhin und suchten Schutz bei den Eltern. Söckchen bekam als jüngstes Familienmitglied den Platz in der Mitte des Nestes, während die anderen Störche auf dem Nestrand standen.

 

Das ältere Küken legte ein pubertierendes Verhalten an den Tag, indem es sich mit dem Storchenvater anlegte. Man musste ja mal austesten, wie weit man gehen konnte. Immerhin räumte Ben das zweite Nest, sodass seine Jungen den Storchenvater erfolgreich „vertrieben hatten (auf das erste Nest).

 

Die jungen Störche waren jeden Tag etwas länger unterwegs. Wenn sie einflogen, kamen oftmals noch recht wackelige Landungen zustande, bei denen sie einander über den Haufen flogen oder manchmal den Nestrand knapp verfehlten und einen erneuten Anflug machen mussten. Söckchen entdeckte einen neuen Lieblingsplatz im Nest – die Kameraabdeckung war nämlich der ideale Platz, um mal „alleine“ zu sein.

 

Es kam jetzt auch mehrfach vor, dass die Storcheneltern im Nest einflogen und die Küken nicht anwesend waren. Manchmal waren sie in der Nähe und eilten sofort herbei, einige Male kamen Herr und Frau Storch aber auch umsonst zum Nest. Dann suchten sie die Küken in den Wiesen, um ihre Beute dort an die Jungen zu verteilen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woche 13 vom 14.8.19 – 20.8.19

 

Ben machte es Leni nach und brachte an zwei Tagen unzählige Mäuse und Ratten ins Nest. Bei einer der Fütterungen ließ er eine Riesenratte aus seinem Schnabel rutschte, die sich Söckchen nach langem Ringen sichern konnte. Da das andere Küken aber nicht kampflos aufgeben wollte, setzte dieses nach und versuchte Söckchens Schnabel zu erreichen. Um die Beute nicht zu verlieren, ließ sich das jüngere Küken einfach samt Ratte vom Nest fallen, landete auf der Wiese und verspeiste hier in Ruhe die Ratte. Gewusst wie oder Not macht erfinderisch.

 

Am zweiten Tag schleppte Ben in einem Gang mehr als 10 Mäuse und Ratten an. Wie die alle in den Storch gepasst haben, bleibt schleierhaft. Die Küken waren begeistert, weil es Beutetiere „regnete“. Obwohl sie auf den Wiesen schon selbstständig Futter suchen, ist Hotel Mama und Papa immer noch eine feine Sache.

 

Söckchen war zum ersten Mal baden. Das Storchenkind kam völlig durchnässt ins Nest zurück. Alles an ihm war nass. Entweder war der Storch in einem Teich auf Fischfang gewesen, was den nassen Kopf und Bauch erklären würde oder auf dem Teichgrund war ein Loch gewesen, durch das der kleine Storch dann baden gegangen war. Bei den hochsommerlichen Temperaturen stellte der Badeausflug aber keine gesundheitliche Gefahr dar. Einige Tage später tauchte ein fremder Jungstorch auf dem leeren Kükennest auf, dem das gleiche Mißgeschick passiert war. Bei hochsommerlichen Temperaturen stand er triefend im Nest und musste die Federn für den Weiterflug trocknen lassen.

 

In diesen letzten Tagen sah man Familie Storch häufig zusammen am Himmel. Die Eltern brachten die Küken nach ihren gemeinsamen Ausflügen immer zum Nest zurück. Bei einer Landung im Nest hatte Söckchen so viel Schwung unter den Flügeln, dass es im Sitzen durch das gesamte Nest sauste und Leni in den Bauch rammte, die daraufhin vom Nest fiel.

 

Nach so viel gemeinsamer Zeit stand der Abschied kurz bevor. Am 19.8.19 drehten die vier Störche am Morgen noch zusammen ihre Runden über dem Storchennest. Die Jungtiere in der Umgebung waren schon alle „abgereist“, daher begleitete Leni ihre Küken auf ihrem ersten Flug in den Süden. Um 11:11 Uhr startete das ältere Küken vom ersten Nest, gefolgt von Söckchen und Leni. Ben stand auf dem zweiten Nest und verließ dieses ebenfalls nach wenigen Minuten. Er flog auf die Wiesen und kehrte am Abend zum Nest zurück. Einer muss ja noch die Stellung halten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit haben die Küken das Nest einen Tag vor Vollendung ihrer 14. Lebenswoche verlassen. 3,5 Monate hatten sie ein recht abenteuerliches Leben auf dem Fohrder Storchennest. Sie sind für das afrikanische Leben bestens gerüstet. Vielleicht überwintern sie ja auch in Spanien und müssen gar nicht so weit fliegen.

 

Jetzt kehrt Ruhe ein. Wir müssen nicht mehr jeden Tag um das Leben der Storchenkinder bangen. Haben sie genügend Wasser, werden sie hoffentlich nicht vom Nest geweht, fallen sie beim Austreten nicht vom Nest, gibt es genügend Futter… – jeder Tag brachte Erlebnisse, bei denen man ins Zittern kam. Erst als sie fliegen konnten, war Aufatmen angesagt. Als kleiner Storch unter freiem Himmel aufzuwachsen, ist nicht immer leicht. Wir haben dreieinhalb Monate erlebt, die uns eine emotionale Achterbahnfahrt beschert haben. Alles ist gut gegangen, die Störche sind unterwegs und werden unbeschadet ankommen und wir können unser Nervenkostüm bis zum nächsten März entspannen.

 

 

Woche 14

 

Nach dem Abflug seiner Familie verbrachte Ben die folgende Nacht auf dem zweiten Nest. Am 20.8.19 flog er frühmorgens los und war den ganzen Tag nicht auf dem Nest zu sehen. Auch abends stand das Nest leer, daher war anzunehmen, dass auch er seine Reise ins Winterquartier angetreten hatte. Am späten Abend tauchte er aber wieder in seinem Nest auf. Anscheinend wollte er noch einige Tage Urlaub machen und auf seine Weise Abschied nehmen. Am 21.8.19 war dann auch für ihn die Zeit gekommen. Um 5:27 Uhr schaute er noch einmal in die Runde, breitete seine Flügel aus und flog vom Nest. Damit schien die Storchensaison beendet.

Aber nicht in Fohrde.

 

Am folgenden Tag waren beide Nester wieder durch jeweils einen  Storch besetzt. Aber es waren nicht Leni und Ben, sondern zwei durchreisende Störche, die sich auf den Nestern für eine Übernachtung einquartiert hatten. Beide Tiere flogen am nächsten Morgen weiter und jetzt scheint die Storchensaison für dieses Jahr wirklich abgeschlossen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit klappen wir das Fohrder Storchentagebuch zu. Wir hoffen, dass alle Leser viel Freude beim Lesen hatten. Wir danken der Klasse 1d der Martin-Niemöller-Schule in Berlin hiermit noch einmal für die Namensgebung unseres Storchenpaares und möchten uns auch für alle Spenden bedanken, die uns zur Unterstützung überwiesen wurden. Die Zeit nach dem Abflug unserer Störche ist die Zeit vor ihrer Wiederkehr. Behalten wir diese wunderbaren Tiere in Erinnerung und lassen wir uns überraschen, welche Störche im kommenden Frühling auf dem Fohrder Nest ihr Domizil aufschlagen werden. Die Jungstörche verbleiben die ersten drei Jahre in den wärmeren Gefilden, aber Leni und Ben könnten in der neuen Saison wieder einfliegen. Was wir mit ihnen in dieser Storchensaison erlebt haben, wird auch in einem Buch zusammengefasst. Schauen Sie gelegentlich auf dieser Seite vorbei, dann erfahren Sie, wann und wo dieses Buch erhältlich sein wird.

 

Ihnen allen von Herzen ein glückliches 2019.

Mit lieben Grüßen,

Ihr Storchenteam 😀

 

 

 

 

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Elke

Liebes Storchenteam, auch ich möchte mich herzlichst für alles bei euch bedanken. Ihr seid alle so eine Bereicherung, sei es die Live – Verfolgung unserer wunderschönen Störche sowie der kleinen Meisen und das Sahnehäubchen ist das so liebevoll, humorvoll und gleichzeitig lehrreich geschriebene Tagebuch von Ev. Eine ganze Storchensaison so hautnah und wie mittendrin zu erleben, ist schon was ganz besonderes. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Jahr und hoffe, das auch Ev wieder mit ihren einfühlsamen, lustigen und sehr anschaulich beschriebenen Texten das Tagebuch füllt. Habt eine gute Reise ihr lieben Störche !! Und für das gesamte… Weiterlesen »

Brigitte

Die Storchenseite wird nicht geschlossen! Sie bleibt auf meinem Laptop gespeichert. Ich bin erst Mitte vergangenen Jahres auf diese Webseite gestoßen, weil ich früher mal ins Storchennest Vetschau geschaut hatte. Und jetzt bin ich Fan von Fohrde. Trotzdem wir Brandenburger sind, waren wir leider noch nie in dieser Gegend – Havelseen. Habe mich noch nie mit Kommentaren irgendwo beteiligt, aber diese Seite und die Teilnehmer sind einfach Klasse! Eine Namensvetterin (Brigitte) aus Aachen und sogar aus Österreich Storchenfreunde. Ich hänge inzwischen an dieser Storchenfamilie wie an meinem Dackel. Das Schönste wäre, wir sehen die Eltern im nächsten Jahr wieder. Mein… Weiterlesen »

Ilonka

Genau wie ich Brigitte, war früher auch auf der Seite von Vetschau. Fohrde gefällt mir aber wesentlich besser. Die Kameras sind optimal positioniert, nachts kann man beobachten, die Sonnenauf- und untergänge und dann das Tagebuch !!!

Joana Jussen

Hallo, liebes Storchennest Fohrde – Team, herzlichen Dank für die tollen Live – Stream`s und die wundervollen Berichte in 2019. Damit ich mich auch zukünftig daran erfreuen kann würde ich euch gerne ebenfalls mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützen. Leider besitze ich kein PayPal-Konto und keine Kreditkarte. Ich könnte jedoch eine Banküberweisung tätigen. Ich hatte bereits, unter „ Kontakt“, versucht zu erfragen ob dies möglich ist. Leider ist beim Versenden meiner Nachricht immer ein Fehler aufgetreten. Würde mich freuen wenn Ihr mir entsprechende Infos zukommen lassen würdet. Bzw. unter welcher Mail – Adresse ich dies erfahren kann. Viele Grüße aus… Weiterlesen »

Diana Lehner

liebes Storchen-Team, auch ich und meiner Familie möchten uns herzlichst bedanken für diese Möglichkeit, einen Lebensabschnitt einer Storchen-Familie so hautnah erleben zu dürfen. Es sind unglaublich schöne Bilder und vor allem das liebevoll und humorvoll geschriebene Tagebuch von Ev. Eine große Bereicherung in diesem hektischen Leben und vor allem auch sehr lehrreich.
Ja, das tägliche Anteil haben fehlt mir jetzt schon. Wir wünschen unserer Storchen-Familie Gesundheit und ein gutes überwintern und freuen uns schon sehr auf die nächste Storchen Saison 2020.
Nochmal vielen Dank für euren Einsatz und liebe Grüße aus dem Süd Burgenland/Österreich wünscht
Diana + Familie

simone

Ein riesen großes Danke an das Storchenteam. Eine super Leistung mit dieser Seite. Und dann noch dieses Tagebuch über das wir uns jeden Tag freuen durften. Jeder konnte hier mitfiebern und sich beteiligen beim beobachten der Storchenfamilie. Es gab so viele Hochs und Tiefs, Lachen und Weinen. Wir freuen uns auf eine neue spannende Saison im nächsten Jahr mit euch. Für euch und die Störche alles gute.
Viele liebe Grüße von Simone

Silvia Heck

Liebe Ev, Danke für die vielen tollen Tagebuchgeschichten aus dem Storchennest. Ich habe jeden Tag mit Freude gelesen, was ich am Tag zuvor verpasst hatte. Als „Großstadtkind“ hat man kaum Möglichkeiten, sooo nah und so direkt am Leben von Störchen teilzunehmen. Und ich habe viel gelernt dabei. Toll fand ich auch die abschließende Zusammenfassung mit Fotos, denn ich war nicht von Anfang an dabei und konnte so die kleinen Babystörche auch noch sehen. Ein herzliches Dankeschön an alle, die hier mitgewirkt haben, dass wir jeden Tag am Leben und Aufwachsen der Störche teilhaben durften. Mir wird tatsächlich jetzt etwas fehlen.… Weiterlesen »

Ev

Liebe Silvia,
haben Sie vielen lieben Dank für Ihre herzlichen Worte. Wenn Sie die Storchensaison von Anfang an nachlesen möchten – auf der Startseite gibt es oben den Button „Tagebuch“, mit dem Sie zu den einzelnen Tagesbeiträgen kommen. Wird auf dieser Seite zum letzten sichtbaren Artikel runtergescrollt, finden Sie die Worte „nächste Seite“ und „zurück“. So können Sie sich bis an den Anfang zu den ersten Berichten durchklicken. Im Moment geht es nur Seite für Seite rückwärts, aber ich werde nachfragen, ob es sich so einstellen lässt, dass man direkt zur ersten Tagebuchseite kommen kann.

Mit lieben Grüßen,
Ev

Conny

Es war ganz wunderbar, die Storchenfamilie täglich live beobachten zu dürfen, mit ihnen zu bangen und sich über genügend Futter und die kleinen und großen Ereignisse zu freuen. Ein direkter Draht in die Natur mit einem fantastischen Panorama, das habt Ihr wirklich richtig gut gemacht, eine technische Meisterleistung auf sehr hohem Niveau und dazu ein liebevoll geschriebenes Tagebuch. Ich möchte mich herzlich bei Ev, Lars, Sebastian und all Euren Helfern in der Familie, unter Freunden und Bekannten bedanken, dass Ihr das möglich gemacht habt für uns Storchenfans. Mögen die Störche eine gute Zeit bei bester Gesundheit haben. Ich freue mich… Weiterlesen »

Brigitte Hofmann-Ripp

Liebes Storchenteam, ich möchte mich ganz herzlich bei Euch bedanken. Mein Mann und ich haben letztes Jahr 2 Wochen in Fohrde verbracht, leider nach Abflug der Störche. Das Tagebuch hat mir ganz besonders gut gefallen. Jeden Morgen habe ich in meiner Frühstückspause gelesen, was am Vortag passiert ist. Das Tagebuch war eine besonders gut gelungene Mischung aus Bildern und so gefühlvoll und witzig formuliertem Text. Ich freue mich schon jetzt auf sie Storchensaison 2020 und hoffe sehr, dass Ev wieder ein tägliches Resumee ins Netz stellen wird.
Vielen lieben Dank und ganz viele Grüsse aus Aachen sendet
Brigitte

Brigitte

Eine wundervolle Zusammenfassung des Storchenjahres von Ev. Diese journalistische Fleißarbeit in Worten und Bildern kann man gar nicht genug würdigen. Das ist, glaube ich, auch nur in Fohrde der Fall. Wir werden es vermissen, nicht mehr täglich in das Storchennest schauen zu können, aber so ist das Leben – die Störche ziehen, der Sommer ist vorbei … Dank an alle, die hier so aktiv sind, allen alles Gute für den Rest des Jahres und auf einen neuen Storchensommer 2020!

Hi Brigitte! Du kannst trotzdem täglich vorbei schauen. Die Kameras laufen auch im Winter! wink Nur der Anblick ist etwas trostlos. cool Gruß Lars

Ilonka

Liebe Ev,
dein Tagebuch war eine wunderbare Bereicherung dieser tollen Seite hier. Informativ und auch emotional geschrieben. Jeden Tag ein Genuss – dafür herzlich Dank. smile
Dank auch allen die diese Seite überhaupt möglich machen. Dank auch allen Helfern im Hintergrund (Nest säubern/reparieren usw)
Es war eine unglaublich spannende und schöne Saison 2019.
Wünschen wir unserer Storchenfamilie ein gesundes Überwintern – wo auch immer.
Ich/wir freuen uns auf die neue Saison 2020. Wir lesen uns wieder.
Bis dahin wünschen wir allen das Beste. Bye ! beg beg

Andrea

Wunderschön zusammengefasst, mir wird das tägliche Tagebuch fehlen. Freuen wir uns auf den März 2020 und die neuen Storchenabenteuer. Danke an das Storchenteam!

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