3.8.2019 – Ein unerwarteter Sturm

Morgens halb acht und das Storchennest ist leer. Beide Tiere waren schon früh unterwegs und wahrscheinlich mit der Futtersuche beschäftigt. Auch das muss geübt werden, bis man sich als junger Storch komplett alleine ernähren kann.

Um halb neun flogen beide Störche wieder ein.

 

 

 

 

 

 

Nach einem großen Ausflug müssen die Federn neu gerichtet werden und etwas kuscheln kann auch nicht schaden.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man weiß, dass man jederzeit vom Nest fliegen kann, dann ist in der Sonne faulenzen etwas ganz Tolles 😄.

 

 

 

 

 

Noch ein paar Dehnungsübungen…,

 

 

 

… und schon ist wieder Fütterungszeit.

 

 

 

Hier kann man gut sehen, dass die Beine des älteren Kükens schon viel mehr im typischen Rot erscheinen, als es bei Söckchen der Fall ist. Aus den Söckchen sind noch keine Kniestrümpfe geworden 😄.

 

 

Anschließend durchstöberten die Störche das gesamte Nest. Irgendwo sitzt bestimmt noch ein fressbarer Happen.

 

 

 

Dabei hielt das ältere Küken seinen Schnabel, der mittlerweile eine purpurne Färbung angenommen hat, wieder perfekt in die Kamera.

 

 

 

Bitte die richtige Haltung einnehmen, zweimal Futterexpress im Anflug!

 

 

 

 

 

 

Komm, wir fliegen eine Runde

Am Nachmittag, kurz vor zwei Uhr:

“Was meinst du, sollen wir noch eine Runde fliegen?“

 

 

 

 

 

Und schon war Söckchen losgeflogen. Allerdings nur für eine Runde um das Nest. Nach einer halben Minute landete der Storch schon wieder und wurde vom älteren Küken mit Schnabelgeklapper empfangen.

 

 

 

 

 

Unerwartet und bedrohlich

Am Nachmittag zogen dunkle Wolken auf. Allerdings deutete nichts auf ein Gewitter hin. Was dann über Fohrde hinwegzog, war in keiner Weise vorauszuahnen. Es war gut, dass unsere Küken schon groß und vor allem flugfähig sind, ansonsten hätte es böse ausgehen können.

 

 

 

 

 

 

Kurz vor halb sechs war die Welt noch in Ordnung. Das ältere Küken knabberte ein wenig am Fuß des anderen Storches, der ihm diesen bereitwillig hingehalten hatte.

 

 

 

Kurz nach halb sechs änderte sich die Situation schlagartig. Zuerst fiel auf, dass plötzlich immer mehr kleine Vögel den Himmel bevölkerten. Sie schienen aus dem Nichts zu kommen und flogen pfeilschnell am Himmel hin und her. Es war deutlich zu beobachten, dass es keine konkrete Richtung gab, in die sich die Vögel bewegten. Sie flogen wie aufgescheucht völlig planlos hin und her.

 

 

 

Stare am Himmel

Wie man bei diesem Vogel im Hintergrund sieht, kann es sich nicht um Schwalben handeln. Dafür ist die Vogelform nicht schlank genug. Es könnten vielmehr Stare sein, die in dieser Jahreszeit vorrangig in den Abendstunden vermehrt als Schwarm auftreten.

 

 

 

Parallel zu dem plötzlich auftretenden und wie wild umherfliegenden Vogelschwarm, begann Söckchen zu „husten“.

Es war immer wieder nur ein trockener Laut, der sich wie ein Husten anhörte. Zuerst hätte man vermuten können, dass der Storch etwas verschluckt hätte, das ihm quer im Hals sitzt. Aber er würgte nicht und vor allem versuchte er auch nicht zu schlucken. Er hielt nur die ganze Zeit den Kopf gesenkt und wurde regelmäßig von kleinen Zuckungen gequält. Man konnte deutlich erkennen, dass sein Körper geschüttelt wurde. Nicht, dass er diese Bewegungen selbst auslöste. Es war, als ob er unter der Ausstrahlung einer Energie stand, die seinen Körper zu diesen Bewegungen zwang.

 

 

 

Auf den ersten Blick hätte man denken können, der Storch habe einen Schluckauf. Aber dem war nicht so.

Plötzlich breitete das ältere Küken seine Schwingen aus und flog davon. Auch er umkreiste nur das Nest und landete nach einer Minute wieder. Eine Minute lang blieb er auf dem Nest, um dann erneut abzuheben. Es war, als ob er vor etwas davonfliegen wollte.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Moment der Stille

Kurz nach sechs Uhr hatte sich die Situation beruhigt. Die unzähligen Vögel am Himmel waren verschwunden, Söckchen hatte sich beruhigt und krächzte nicht mehr vor sich hin und Mama Leni flog mit Futter ein.

 

 

 

Um halb sieben geschah etwas Merkwürdiges. Normalerweise kündigen sich Gewitter oder starke Regengüsse mit einem aufkommenden Wind an. Dieser setzt anfangs leicht ein, wird schnell stärker und stärker, um in Kürze sein Maximum zu erreichen. Heute „durften“ wir etwas anderes erfahren. Von wirklich Null auf Hundert innerhalb von zwei Sekunden gab es solch einen Sturmstoß, dass sämtliche Fenster im Haus zukrachten. Man hätte jetzt denken können, dass ein heftiges Gewitter bevorsteht, das aber nicht kam. Die Wolken waren zwar geballt und auch teilweise grau, aber es war lediglich eine Wolkenfront, die weder Regen noch Gewitter mit sich führte. Erst beim späteren Ansehen der Kameraaufzeichnungen wurde klar, was sich draußen abgespielt hatte.

 

 

 

 

 

18:37 Uhr:

Die Küken wurden völlig unvorbereitet von einem Windstoß überrascht, der mit einer Intensität über das Nest fegte, bei der die Störche Mühe hatten, sich auf den Beinen zu halten.

 

 

 

 

Wie schon beim letzten Gewitter klapperte das ältere Küken wütend in den Himmel.

 

 

 

 

Flucht kommt nicht in Frage

Störche gehören naturgegeben zu den Vögeln, die Unwetter auf dem Nest aussitzen und nicht vor ihnen fliehen. Deswegen tauchte Leni sofort am Nest auf, um nach den Jungen zu sehen. Als sie dann auch noch anfangen wollte, die Küken zu füttern, bekamen alle drei Probleme. Der Wind war so stark, dass selbst die Störchin Mühe hatte, diesem etwas entgegenzusetzen. Auf den Bildern kommt das leider nicht so rüber, aber wer zu dieser Zeit den Stream gesehen hat, weiß, was ich meine.

Die Küken wurden vom Wind immer wieder an den linken Nestrand gedrückt. Selbst die halbe Sitzposition verhinderte nicht, dass sie durch das Nest rutschten. Leni stand die meiste Zeit in Schräglage, um sich gegen den Sturm abzufangen. Trotz des Gewichtes von drei Störchen wackelte das Nest gefährlich. Der Wind kam auch nicht in Intervallen, es war, als ob jemand plötzlich einen Hebel umgelegt und damit von einer Sekunde zur nächsten so etwas wie einen Minitornado losgelassen hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leni fliegt vorbei

Als Leni anschließend abhob und zum zweiten Nest flog, wurde sie vom Sturm in der Luft abgetrieben, sodass sie eine Runde um das Nest fliegen und einen weiteren Anflug machen musste, um sicher zu landen. Fünf Minuten später verließ sie das Nest wieder.

 

 

 

 

Zehn Minuten nach Lenis Abflug tauchte Ben im zweiten Nest auf. Von hier hatte er die Küken im Blick. Der Wind war noch stark, hatte aber diese Intensität, die alles wegfegt, was nicht angenagelt ist, bereits verloren.

 

 

 

 

Auch auf dem ersten Nest hatte sich die Situation entspannt. Der Wind wehte immer noch, aber man konnte sogar wieder auf nur einem Bein stehen, ohne vom Wind umgeworfen zu werden 😄.

 

 

 

 

 

Halb acht und der Spuk war vorüber. Der Himmel sah stellenweise zwar noch bedrohlich aus, aber der Sturm hatte sich gelegt.

 

 

 

 

 

Da aber auch Papa Ben selig in seinem Nest schlummerte, schien keine Gefahr mehr zu drohen.

 

 

Wie bei einem Tornado

Betrachtet man das Geschehen rückblickend, machen die Anzeichen eine Stunde vor dem Sturm einen Sinn. In den späten Sommermonaten (bei uns wahrscheinlich schon aufgrund der mittlerweile monatelangen Hitze) treten Stare in den Abendstunden vermehrt in großen Schwärmen auf, bevor sie in ihr Abendquartier ziehen. Dass die Tiere plötzlich wie orientierungslos am Himmel flogen, dürfte an der aufgetretenen elektrischen Spannung in den oberen Luftebenen gelegen haben. Es wurde schon vielfach beobachtet, dass sich große Ansammlungen von Vögeln direkt dort aufhielten, wo kurz darauf Gewitter auftraten.

Vögel empfinden diese nahende elektrische Spannung bedeutend früher als Menschen. Oftmals schon Tage vor einem Ausbruch. In unserem Fall warnten die Vögel eine Stunde vor dem Sturm, dass etwas bevorsteht. Auch das Verhalten von Söckchen dürfte sich damit erklären lassen. Dieser Storch ist sehr sensibel. Wer das Auswürgen der Gewölle via Livestream mitverfolgt hat, weiß, dass sich Söckchen sehr schwer damit tut. Der Storch braucht immer wesentlich länger als das Geschwisterküken, um die Nahrungsreste aus dem Hals zu bekommen und muss dafür auch viel stärker kämpfen. Ein sich massiv änderndes Energiefeld kann bei ihm das Kreislaufsystem belastet und zu Atemnot geführt haben. Was die abgehackten und krächzenden Laute erklären könnte.

 

Im Auge des Sturms

Die Zeit zwischen dem orientierungslosen Fliegen der Vögel und dem Ausbrechen des Sturmes lässt sich mit der Mitte eines Tornados vergleichen. Im Inneren – im sogenannten Auge – herrscht Stille. Ein Tornado hebt mit seinem Randgebiet alles in die Luft, dann folgt ein Moment der Stille, wenn das Zentrum des Wirbelsturms das entsprechende Gebiet überquert. Anschließend folgt der zerstörerische Wirbel des anderen Randgebietes.

 

Ende gut, alles gut. Hätte uns diese Situation zu einem früheren Zeitpunkt erwischt, als die Jungen kleiner und möglicherweise alleine auf dem Nest gewesen wären, hätte es tödlich enden können. Ohne Schutz wären die Jungtiere bei dieser Windstärke einfach vom Nest geweht worden.

Damit sind sie für alle Eventualitäten gerüstet. Nach dieser Nestzeit haben sie schon so viele Widrigkeiten erlebt, dass sie bestimmt alles überstehen 😀.

 

 

 

 

Von Menschen ohne Empathie

Man hätte meinen können, dass so viel Aufregung für einen Tag genug sei. Aber Irrtum. Den Störchen wurde am Abend auch noch ein Feuerwerk in der nahen Umgebung zugemutet. Es dauerte zwar „nur“ wenige Minuten, trotzdem war deutlich zu sehen, wie verstört die Tiere waren. Die Jungen traten rückwärts an den Nestrand und wollten dem Lärm und der Rauchwolke ausweichen. Leni kam sofort zum Nest geflogen, um den Jungen beizustehen. Nur wenige Sekunden später kam auch Ben dazu.

Es ist bedauerlich, dass die Wahrnehmung bei den meisten Menschen an der eigenen Außenhaut endet. Leider ist der Mensch eine Spezies, die erst dann „lernt“, wenn sie sich den Ast, auf dem sie sitzt, durch das eigene Verhalten abgesägt hat. Trotz technischem Fortschritt verhalten sich Tiere vielfach intelligenter. Lernen wir also von unseren Störchen. Sie brauchen uns nicht. Aber wir brauchen sie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare
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Danke für Alles! Für diesen und alle anderen Tagebucheinträge! Es ist jeden Tag unglaublich spannend, die Störche zu beobachten und die Erklärungen und Hinweise zu erhalten. Hochachtung vor so viel Engagement, Fleiß, aber auch das nötige Feingefühl und den Humor. Ganz wunderbar! Was mich noch interessieren würde, ob die Jungstörche auch am Boden von den Elterntieren begleitet, versorgt oder angelernt werden. Und ob die große Reise gemeinsam angetreten wird. Viele liebe Grüße!

Liebe Astrid, ja, die Storchenkinder werden von den Eltern angelernt, welches Futter gut für sie ist und wo sie es finden. Daher sieht man sie dann oft mit einem oder beiden Elterntieren zusammen über die Wiesen und Felder laufen oder am Wasser stehen. Die Eltern machen vor, die Jungtiere machen nach. Was die Reise in den Süden angeht – normalerweise fliegen Eltern und Jungtiere getrennt. Meist fliegen die Jungtiere zuerst. Dabei schließen sich die Jungtiere zu Gruppen zusammen und ziehen in einer Gemeinschaft los. Letztes Jahr war es so, dass die damaligen zwei Jungstörche plötzlich Besuch von mehreren anderen Jungstörchen… Weiterlesen »

Danke für die interessante Erklärung zum Sturm. Kann i h mir durchaus vorstellen, dass die elektrische Spannung bei Tieren körperliche Symptome auslöst.
Das Feuerwerk hat sowohl die Altstörche, als auch die Jungen verängstigt. Möge sich jeder mal überlegen, ob es das wirklich wert ist, die Tierwelt dabei so in Angst zu versetzen. Manchmal tun es auch ein paar hübsche Gartenfackeln.

Danke Ev, so schön geschrieben und erklärt. Ich bin immer wieder begeistert von deinem Tagebuch. Der letzte Absatz ist genau das was wohl alle denken wenn sie unsere Störche sehen.
Gruß Simone

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